ADR Aktien: eine Aktie, die es offiziell gar nicht gibt
Ich saß mal mit einem Kunden bei einem Kaffee, der unbedingt in ein amerikanisches Tech-Unternehmen investieren wollte, ohne ein US-Depot zu eröffnen. Meine Antwort: Dann kaufen Sie die Aktie über einen anderen Weg. Seine Stirn runzelte sich. ADR Aktien klingen wie ein Buchhaltungstrick. Sind sie irgendwie auch. Aber sie funktionieren seit fast hundert Jahren, und wer sie versteht, kann in Firmen investieren, an die deutsche Broker sonst nur umständlich herankommen.
Kurz gesagt: Ein American Depositary Receipt ist ein Zertifikat einer US-Geschäftsbank, das eine oder mehrere ausländische Aktien repräsentiert. Sie kaufen kein Papier der Firma selbst, sondern einen Anspruch auf die hinterlegten Originalaktien. Das klingt nach Umweg. Ist es auch.
Wichtige Erkenntnisse
- ADR Aktien sind Zertifikate, keine echten Aktien — die Originalaktie liegt bei einer US-Depotbank
- Nicht alle ADRs sind gleich: Level I, II und III haben völlig unterschiedliche Transparenz- und Handelsanforderungen
- Dividenden fließen meist, Stimmrechte in der Regel nicht
- Die US-Quellensteuer auf Dividenden betrifft auch deutsche Anleger — mit Anrechnung in Deutschland
- ADR sind nicht per se teuer, aber Depositary-Gebühren und Währungsumrechnung fressen Rendite
Was ADR Aktien sind und warum es sie überhaupt gibt
Die Idee ist alt. Schon in den 1920er-Jahren wollten britische Firmen Kapital von amerikanischen Anlegern einsammeln, ohne eine komplette zweite Börsenzulassung nach US-Recht zu durchlaufen. Die Lösung: eine Depotbank kauft Aktien im Heimatmarkt, verwahrt sie und gibt dafür handelbare Zertifikate in Dollar aus. Der Amerikaner handelt ein US-Wertpapier. Die Firma bleibt in London.
Die Mechanik dahinter
Eine Depotbank — in der Praxis Bank of New York Mellon, JPMorgan oder Citibank — kauft die ausländischen Aktien. Sie hinterlegt sie in einem Depot im Heimatland. Für den US-Markt emittiert sie dann ADRs, die exakt dieselbe wirtschaftliche Bewegung nachbilden.
Das Verhältnis zwischen ADR und Originalaktie ist nicht immer 1 zu 1. Bei manchen deutschen Firmen steht ein ADR für zwei Stammaktien, bei anderen für zehn oder für den Bruchteil einer einzigen. Dieses Ratio legen die Banken fest, meist damit der ADR-Preis in einem für US-Anleger angenehmen Bereich liegt. Für Sie als Anleger bedeutet das: Wenn Sie den Dollarpreis des ADR mit dem Ratio multiplizieren, sollten Sie ungefähr den Europreis der Originalaktie erhalten. Wenn nicht, gibt es irgendwo eine Chance.
Was Sie bekommen und was nicht
Bei den Rechten wird es unschön. Sie bekommen in der Regel die Dividenden, umgerechnet in Dollar, abzüglich Gebühren. Sie bekommen nicht das Stimmrecht — oder nur eingeschränkt, wenn die Depotbank Ihnen eine Vollmacht vorlegt, die Sie dann im Heimatland ausüben lassen. Ich habe das einmal bei einer Hauptversammlung versucht. Ergebnis: ein Formularstapel, drei Wochen Bearbeitungszeit und am Ende eine Stimme, die die Bank nach eigenem Ermessen abgegeben hat. Nicht die Mühe wert.
ADR Aktien: Vorteile und Nachteile im Klartext
Warum kauft man überhaupt einen Umweg, wenn es die Originalaktie direkt gibt? Weil der direkte Weg oft mehr Reibung hat, als man denkt.
Vorteile, die wirklich zählen
- Sie handeln in US-Dollar zu US-Handelszeiten — für alle, die ohnehin ein US-Depot führen, ein einziger Marktplatz für alles
- Viele Direktbroker in Deutschland können ausländische Aktien nur teuer oder gar nicht handeln. Der ADR ist dann die einfachste Tür
- Für Firmen aus Schwellenländern ist der ADR oft die einzige halbwegs liquide Handelsmöglichkeit
- Die Berichtspflichten bei Level II und III sorgen für ein Maß an Transparenz, das selbst in Europa nicht überall selbstverständlich ist
Und die Nachteile, die man erst merkt, wenn es weh tut
Der größte Knackpunkt ist die Gebührenstruktur. Die Depotbank verlangt eine jährliche Depositary Fee, meist zwischen einem und fünf Cent pro ADR. Bei einer Position von ein paar hundert Euro ist das ein Rundungsfehler. Bei 50.000 Euro ist es eine Rechnung, die Sie spüren.
Dazu kommt die Währung. Sie halten ein Dollar-Papier, und der Euro-Dollar-Kurs bewegt sich unabhängig von Ihrer Firma. Wenn die Aktie in New York zwei Prozent steigt und der Dollar gleichzeitig zwei Prozent fällt, steht bei Ihnen in Euro eine Null. Ich habe das einmal bei einer Position über ein halbes Jahr beobachtet: Die zugrunde liegende Firma war ordentlich gelaufen. Meine Rendite war trotzdem mittelmäßig. Naja.
| Kriterium | ADR Aktie | Direkte Auslandsaktie |
|---|---|---|
| Handelswährung | USD | Landeswährung |
| Handelsplatz | OTC oder NYSE/NASDAQ | Heimatbörse |
| Stimmrecht | meist nein | ja |
| Laufende Kosten | Depositary Fee | je nach Broker Depotgebühr |
| Handelszeiten für Sie | US-Zeitzone | Heimatzeitzone |
| Liquidität | bei großen Firmen hoch, bei kleinen dünn | unterschiedlich |
Level I, II, III: der Unterschied, den kaum einer kennt
ADR ist nicht gleich ADR. Und die erste Frage, die Sie stellen sollten, lautet: Um welchen Typ handelt es sich?
Die drei Emissionsstufen
Level I ist die schwächste Stufe und die häufigste. Gehandelt wird nur außerbörslich, also over the counter. Die Firma muss der SEC keine vollständigen Jahresabschlüsse nach US-Recht vorlegen. Folge: ein dünner, oft überteuerter Markt mit weiten Spannen. Ehrlich gesagt ist das die Stufe, bei der ich am vorsichtigsten bin.
Level II bedeutet eine Zulassung an NYSE oder NASDAQ mit voller SEC-Berichtspflicht nach US-GAAP oder einer anerkannten Alternative. Hier finden Sie echte Liquidität und ordentliche Spreads.
Level III schließlich dient dazu, neues Kapital einzusammeln — die Firma verkauft ADRs und bekommt frisches Geld. Technisch für den Sekundärhandel ähnlich wie Level II.
Warum Rule 144A für Sie relevant ist
Es gibt noch eine vierte Kategorie, die nach einer amerikanischen Rechtsregel benannt ist. Diese ADRs dürfen nur von institutionellen Käufern gehandelt werden — keine Privatanleger. Wenn Sie auf Ihrer Broker-Oberfläche einen ADR finden, der nicht handelbar ist, steckt oft Rule 144A dahinter. Nur damit Sie nicht stundenlang rätseln, warum die Order ständig abgelehnt wird.
ADR Aktien Dividende und die Quellensteuer
Die Dividenden-Buchhaltung bei ADRs ist der Punkt, an dem es für deutsche Anleger unangenehm wird. Warum? Weil drei Parteien mitverdienen, bevor das Geld bei Ihnen ankommt.
- Die ausländische Firma schüttet an die Depotbank aus und behält dabei im Heimatland bereits eine Quellensteuer ein
- Die Depotbank reicht weiter und verlangt dafür die Depositary Fee, plus teilweise eine Umrechnungsgebühr
- Die USA behalten auf Dividenden von US-Wertpapieren grundsätzlich 30 Prozent ein, reduziert durch das Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland auf 15 Prozent
Der dritte Punkt ist der, den die meisten übersehen. ADR Aktien sind für US-Steuerzwecke amerikanische Dividenden — mit allen Konsequenzen. Das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Deutschland und den USA sieht eine Anrechnung vor, damit Sie nicht zweimal zahlen. In der Praxis benötigen Sie für die Anrechnung auf deutscher Seite die Unterlagen Ihrer Bank, die die einbehaltene US-Steuer ausweisen. Dazu kommt in Deutschland die Abgeltungssteuer auf die verbleibenden Erträge.
Ich habe den Papierkram einmal in einem Jahr mit mehreren ADR-Positionen geführt. Es geht. Aber wenn Sie jemand sind, der Steuererklärungen hasst, ist das ein echter Grund, den direkten Weg zu wählen.
Sind ADR Aktien gefährlich?
Nein — nicht wegen der Konstruktion an sich. Das Risiko liegt woanders. Erstens: Bei Level-I-ADRs ist die Liquidität dünn, und bei einem plötzlichen Verkaufswunsch kann der Spread Ihnen mehr kosten als jede Depotgebühr. Zweitens: Ihr Währungsrisiko ist nicht weg, es ist nur eine Schicht tiefer versteckt. Drittens: Bei sehr kleinen Firmen kann die Depotbank ein Programm jederzeit kündigen, was zu unerwarteten Zwangsverkäufen führt.
Ein Bekannter hat mir letztes Jahr davon erzählt, dass sein ADR eines indischen Unternehmens ohne Vorwarnung vom Programm genommen wurde. Sein Broker hat ihn schriftlich informiert, das Dreifache an Gebühren für den Ausstieg verlangt. Und dann saß er da und wusste nicht, ob er den Betrag akzeptiert oder ob er sich querstellt. Das ist kein seltenes Ereignis. Das passiert öfter, als man denkt.
ADR Aktien kaufen oder nicht?
Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, was Sie wollen.
Warum sind ADR Aktien teurer?
Nicht immer, aber oft. Wenn ein Level-I-ADR über den Ladentisch gehandelt wird, fehlt der Wettbewerb zwischen Market Makern. Der Spread liegt dann schnell bei zwei bis drei Prozent statt bei ein paar Cent. Bei einem Kauf und Verkauf verlieren Sie also alleine durch die Spanne schon mehr, als ein Jahr Depotgebühren kosten würde.
Dazu kommt: Die Depotbank rechnet den Dollarpreis in den Originalpreis des Heimatmarkts um und veröffentlicht diesen Wert erst mit Verzögerung. In ruhigen Märkten kein Problem. In einer volatilen Woche kann der ADR schon mal ein Stück vom fairen Wert abweichen. Wer diese Abweichung nicht bemerkt, zahlt drauf.
Aktie ADR oder B: was ist der Unterschied?
Der Buchstabe hinter einem Ticker ist nur eine Kennzeichnung für Aktiengattungen, nicht für ADR. Wenn Sie Aktie ADR oder B sehen, geht es meistens um Stammaktien der Klasse A versus Klasse B — unterschiedliche Stimmrechtsverhältnisse. Das ist eine völlig andere Baustelle als die ADR-Frage.
Mein Kriterium ist einfach. Wenn die Firma an einer US-Börse voll gelistet ist und ich vorhabe, mehr als 5.000 Euro zu investieren, nehme ich die direkte Auslandsaktie, sofern mein Broker sie halbwegs ordentlich bepreist. Wenn ich in einen Schwellenland-Titel will oder in ein Unternehmen, das mein Broker nicht anbietet, ist der ADR die pragmatische Lösung. Und wenn ich nur ein paar hundert Euro einsetzen will, ist beides meist den Aufwand nicht wert.
ADR Aktien sind kein Werkzeug für Anfänger, die in den USA investieren wollen, weil es bequem klingt. Sie sind ein Werkzeug für Leute, die bereits wissen, warum sie eine bestimmte Firma in einem bestimmten Markt wollen. Der Umweg ist manchmal der einzige Weg. Aber Sie sollten wissen, dass Sie auf einem Umweg sind.